Wem gehört das Meer?

Erst heute entdecken wir die Fragen der Elisabeth Mann Borgese.

"Sonderbare Dings"

Nur wenige nahmen hierzulande wahr, dass Elisabeth Mann Borgese (1918 - 2002) als einzige Frau 1960 zu den Gründungsmitgliedern des Club of Rome gehörte. Dass sie die Zeitschrift Ocean Yearbook gründete und Professorin für internationales Seerecht in Halifax wurde, ihrer letzten Heimat in Kanada. Ihr Buch "Das Drama der Meere" wurde in 13 Sprachen übersetzt. Aber erst 1995 schreibt Elisabeth in nicht mehr ganz astreinem Deutsch "Es kommen jetzt, sonderbarerweise, viele Dings aus Deutschland auf mich zu - als ob man plötzlich entdeckt hätte, dass es mich gibt." Die letzte Sprecherin der Mann-Familie Elisabeth war das fünfte von sechs Kindern des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Das "Medi", wie er zärtlich schrieb. 2001, im Alter von 83 Jahren, wirkte sie an der Fernseh-Serie "Die Manns, ein Jahrhundertroman" von Heinz Breloer mit. Stapfte durch Unkraut und Gebüsch zu der Ruine der ehemaligen Mann-Villa in München Bogenhausen. Hellwach, neugierig, sachlich gegenüber der Geschichte, begleitete sie den Doku-Filmer zu den Originalschauplätzen ihrer Kindheit. Ein absoluter Glücksfall für Breloer und für Deutschland, dass sie die letzte Sprecherin der Familie noch entdecken konnten. Sie starb nur ein Jahr danach während eines Skiurlaubs in St. Moritz. Zehn Jahre später beginnen in Deutschland die Ausstellungen über das Leben der Meeresschützerin und Mann-Tochter. Wie die im Literaturhaus München, die Anfang Juni zu Ende ging und sehr gut besucht war. Katalogtipp "Elisabeth Mann Borgese und das Drama der Meere" Herausgegeben von Holger Pils und Karolina Kühn Lübeck 2012, Euro 24,90
Warum wird Elisabeth Mann Borgese in Deutschland so spät wahrgenommen? Die Antwort finden wir in der Vergangenheit. 1947
Die Bücher waren viel zu wenige. Die druckfrische Erstausgabe von Thomas Manns "Dr. Faustus" wurde von jungen Germanistikstundenten so begehrlich erwartet, dass sie Lesegruppen bilden mussten. Nicht ganz Deutschland teilte in der Nachkriegszeit die Begeisterung für den Jahrhundertschriftsteller. Thomas Mann und seine Familie habe während des Zweiten Weltkrieges in ihrem Exil, in Princeton/USA, das Schicksal Deutschlands von den "Logenplätzen der Weltgeschichte" aus verfolgt, lautete die Hetze. Thomas Mann ließ sich deshalb nicht mehr in dem Land nieder, das er, seine Frau Katia und die sechs Kinder 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit nur ein paar Koffern verlassen hatten. Er starb 1955 in der Schweiz. [b]Die Utopie zum Überleben[/b] Der Graben zwischen denen, die dageblieben, und denen, die fortgegangen waren, beeinflusste den Le-bensweg von Elisabeth. Sie heiratete 1939 im Exil in den USA den 30 Jahre älteren italienischen Schriftsteller Giuseppe Antonio Borgese, mit dem sie zwei Töchter hatte. Von 2000 Professoren an Italiens Universitäten gehörte Borgese zu den 13 aufrechten, die den faschistischen Eid verweigerten. Borgese (1882-1954) emigrierte in die USA und entwickelte in Chicago unter dem Eindruck der verheerenden Folgen des Weltkrieges II den Entwurf einer "Weltverfassung", den Elisabeth mitformulierte. Die Weltverfassung, erschienen 1948, sah nicht weniger vor als die Prinzipien der Menschenrechte und den Gedanken, dass Erde, Wasser, Luft und Energie gemeinsames Eigentum der Menschen sind. Damals eine Utopie im großen Stil, muss unser neues Jahrtausend heute ganz real danach fragen, wem die Ressourcen unserer Erde gehören und wer darüber bestimmt.
Die Freiheit der Meere
Während es in Deutschland darum ging, dass es wieder Butter und Wurst zum Essen gab, während zwischen den USA und der Sowjetunion der Kalte Krieg begann, fand Elisabeth Mann Borgese über die Utopie zu ihrem Lebensthema, dem Meer. Das Meer macht 70 % der Erdoberfläche aus und birgt Ressourcen in bisher
ungeahnter Quantität, die uns helfen werden zu überleben. Wem also soll das Meer gehören? Elisabeth Mann Borgese wird über diese Frage zu einer Schlüsselfigur für Seerecht. Sie ist einflussreich daran beteiligt, dass 1994 in der Internationalen Seerechtskonvention der Tiefseeboden und seine Ressourcen zum "gemeinsamen Erbe der Menschheit" erklärt werden. "Die Utopisten von heute sind die Realisten von morgen", formulierte Elisabeth Mann Borgese einmal. (SN)

Suche

ANZEIGE